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Liam

Liebe mit Verbrauchsdatum

Die meisten Geschichten, die ich erzähle, liegen eine Weile zurück. Sie durften atmen, reifen, nachhallen. Diese hier ist anders. Diese hier ist noch frisch. Wie lauwarmes Badewasser, das leise säuselnd den Abfluss hinunterläuft, und dessen schaumige Spuren mit einer Mischung aus Bedauern, Traurigkeit und neuer Frische im Blick verfolgt werden wollen.


Mein Körper sträubt sich dabei mächtig, diese Worte festzuhalten. Sabotiert, lenkt ab, zerstreut. Ich weiß nicht, wann es mir das letzte Mal so schwergefallen ist, das, was ich fühle und denke, in einen Text zu hüllen. Denn mit jedem Wort, das du und ich hier lesen, rückt die Begegnung mit Liam ein Stück weiter in die Ferne. Wird vergangen, eine Erinnerung, die mein Herz erleichtert, und gleichzeitig zentnerschwer werden lässt. Ich weiß, dass es gut ist, so, wie es ist. Es ist gut, und trotzdem tut es weh. Und ich glaube dieses „es tut und gut und es tut weh“ trifft die Begegnung mit Liam auf den Punkt. Pendelte dieses Etwas, für das wir beide bis zum Ende keinen Namen finden wollten, immer zwischen diesen beiden Polen. Ein feuriger Tanz der Extreme, der mich sehr bereichert, aber auch tieftieftraurig zurücklässt.


Wenn am Anfang schon das Ende steht

Ich wusste von Beginn an, worauf ich mich einlasse. Rückblickend betrachtet ist diese Aussage eine ziemliche Mogelpackung. Zumindest war klar, dass diese kleine Geschichte ein natürliches Ablaufdatum haben würde, teilte Liam von Anfang an mit, dass er in einigen Monaten für unbestimmte Zeit verreise und „nichts Ernstes“ suche. Das passte mir gut. Kein Name, keine Erwartungen, keine Verpflichtungen. Einfach nur zwei Menschen, fünf Monate, viel Neugierde und Leidenschaft. Die perfekte Liebelei. Was ganz Leichtes.


Natürlich war es weder leicht noch perfekt. Es war eher: irritierend, anstrengend, lehrreich und manchmal richtig schön. Ein Puzzle, das auf den ersten Blick kinderleicht erschien, und mit jeder Einheit etwas frustrierender, verzwickter und verwirrender wurde. Was mich, das gebe ich gerne zu, ungemein motivierte, weiterzumachen. Zu schauen, welche Ecken und Kanten ich übersah, welche Farbübergänge zu verschwommen und welche Teile unter dem staubigen Sofa verschwunden waren. Ich wünschte, ich könnte euch erzählen, dass ich das Puzzle erfolgreich gelöst habe. Habe ich nicht. Aber darum ging es, glaube ich, auch nie.


Ich habe Liam über meine Mitbwohnerin Runa kennengelernt. Ein Freund aus Kiel, den sie vom Reisen kannte, und der mittlerweile in einer ziemlich alternativen Bauwagensiedlung etwa 30 Minuten entfernt von uns lebte. Er hatte uns hier, seit unserem Einzug, schon einige Male auf dem Hof besucht, ohne, dass ich ihm jegliche Aufmerksamkeit zollte. Wahrscheinlich, weil ich knietief in meiner hormonellen Trockenphase steckte und Männer genauso uninteressant und langweilig wie den aktuellen Aktienkurs fand. Ein paar Monate, Theta-Seminare und Transformationen später sollte das anders sein.


Ich erinnere mich gut an diesen ersten Abend, an dem wir uns wirklich begegneten. Runa und ich ackerten im Garten, irgendwann im März, es war kalt und nieselig und das Beet vor unserem Haus frustrierte uns sehr. Wir plauderten und tüftelten so vor uns hin, murrten in unsere Schals und konnten trotzdem nicht mit der Gartenarbeit aufhören, als Liam kam. Dunkelblaue Pumphosen, brauner, langer Ledermantel, dazu Boots und eine, mh, sagen wir interessante Strickmütze. Alles in mir schmunzelte. Was für ein Hippie. Mein oberflächliches, 16-Jähriges-Ich hätte ihn keines Blickes gewürdigt. Ein Glück bin ich heute ein paar Schritte weiter. Da war er also, dieser zottelige Andersmensch, und quatschte fröhlich über Gott und die Welt. Ich mochte seine selbstsichere, gelöste Art auf Anhieb. So viel Energie und Neugier hatte ich lange nicht mehr bei einem Mann erlebt. Nicht, dass ich mir irgendetwas dachte, ich fand es einfach nur schön, mit ihm zu reden.


Nacht und Nähe

Und wie das bei uns auf dem Hof so ist, hockten wir den ganzen Abend als WG mit Liam und weiterem Besuch im Wohnzimmer vor dem Kamin, kicherten und kabbelten uns, spielten Brettspiele und sangen zwischendurch Lieder. Irgendwann merkte ich, dass Liam meine Nähe suchte. Das faszinierte mich, hatte ich erst Tage vorher eine Absage von Max erfahren, von dem ich euch auch noch erzählen will. Aber das ist eine andere Geschichte für einen anderen Tag. Jedenfalls war ich sichtlich verwirrt, trotzdem angetan, und vor allem: ungemein neugierig. Es wurde später und später, die Menschen zogen sich zurück, bis irgendwann nur noch Liam und ich auf dem Sofa zurückblieben. Und tatsächlich war es meine Geschichte über Johnny, die uns näher zusammentrieb. „Hab gehört, dass du schreibst. Magst du was teilen?“ fragte Liam um schätzungsweise drei Uhr nachts. Ich war hundemüde, nicht mehr ganz bei mir und meinte nur „Ja, hab gerade einen Text über einen Lover geschrieben, willst du die hören?“ Wollte er. Und konterte danach ganz keck: „Das finde ich spannend. Läuft das immer so bei dir, dass du jemanden anziehend findest und die halbe Nacht darauf wartest, dass etwas passiert? Das würde ich doof finden, ich find dich nämlich echt gut, bin aber auch sehr müde und möchte nicht erst bis um 6 Uhr warten.“


So fing es also an. Ein kleiner Kieselstein, der langsam ins Rollen gebracht wurde und in den nächsten Wochen so manch holprige Piste überqueren sollte. Er, frisch aus einer Beziehung kommend, die sehr schmerzvoll endete, und ich, die ich nach einer 11-monatigen Datingpause das Schwimmen quasi neu lernen durfte. Was für ein Duo. Wahrscheinlich hätte ich mir denken können, dass diese Begegnung keinem Spaziergang im Park gleichen würde ( -- wahrscheinlich hab ich es genau so gewollt). Meine Unsicherheit traf auf seinen Panzer, sein harter Humor verletzte meine Weichheit. Ich stellte viele, tiefe Fragen, er relativierte und absolutierte, was das Zeug hielt. Eine Begegnung, die auf sehr wackeligem Boden fußte. Jedes Treffen eine Wundertüte. Ich wusste nie, was passierte. Fragte ich „Wie geht es dir?“, philosophierten wir plötzlich über Erwartungen an Gesprächspartner:innen, den wahren Wert hinter einem „gut“ und „schlecht“ und die eigentliche Motivation hinter dieser Frage, bis meine Zunge verknotet und mein Kopf voller Nebel war. Ich wollte doch nur wissen, wie es ihm geht. Was ihn wirklich bewegte. Stattdessen Küchentischphilosophie vom Allerfeinsten. Solche Ablenkungsmanöver passierten mit Liam ständig. Das machte mich rasend. Und neugierig zugleich. Dieser Mensch, der vorübergehend in einer Sauna lebte, seine langen Haare mit den Händen kämmte und fließend litauisch sprach, zog mir jedes Mal den Boden unter den Füßen weg, um mich in ganz andere Welten zu stellen. Dieses ungreifbare, mysteriöse Gehabe zog mich an, und stieß mich zeitgleich in viel zu weite Ferne. Und wahrscheinlich ließ genau diese Unsicherheit die kleinen Momente der Weichheit zwischen Tür und Angel so honigsüß und kostbar werden, dass ich immer mehr wollte, auch, wenn ich fast jedes Mal erleichtert war, wenn er ging und ich erst einmal durchschnaufen konnte.

Mit Liam wusste ich bis zum Ende nicht, woran ich war. Wusste nie, ob und wann er kam. Und wie es würde, wenn er käme. Nicht selten schlug er nach der Arbeit bei uns auf, kochte und zog sich danach schnurstracks in mein Zimmer zurück, um zu schlafen. Er schlief immer früh ein, mochte keine Nähe bei Nacht und stand am Morgen mit dem ersten Wimpernschlag auf, ohne einen Blick auf mich zu werfen. Als wir an einem (digitalen) Tantra Workshop teilnahmen, verabschiedete er sich eine Stunde vorher auf einen "kurzen" Spaziergang, der ihn mit satten zehn Minuten Verspätung schwitzig, staubig und außer Atem in mein Zimmer stürmen lies. Ein Gespräch mit einem Baum habe ihn die Zeit vollkommen vergessen lassen. Klassischer Liam. Eines anderen Abends, als er zu mir kommen wollte, durfte ich ihn aus der Pampa abholen. Sein Autoreifen war geplatzt. Also verbrachten wir eine romantische Vollmond-Stunde am Straßenrand, bis sein Vater den Wagen mit seinem Trailer holen kam, beim Auffahren noch die Kupplung durchbrannte, um auf dem Rückweg zum Hof geblitzt zu werden und nur noch müde ins Bett zu fallen. Immerhin nebeneinander. Aber mit Abstand. Manchmal waren wir lose verabredet und er unerreichbar, bis er plötzlich anrief, um mitzuteilen, dass er auf dem Weg sei und mich in einer halben Stunde abholen werde. Keine Frage, ob ich wollte. Kein Raum für Kompromisse. Ganz nach dem Motto: Entweder jetzt oder nie. Er kam, er holte mich, wir gingen baden. Oder so.


Ich gewöhnte mich daran. Gewöhnte mich daran, in der Luft zu hängen, zu warten, nicht zu wissen, genervt zu sein. Und machte es mir damit selbst so leicht. So einfach war es, alles in seine Schuhe zu schieben. So einfach, meine Ängste mit seiner Härte zu vermengen. Seine hippieske, fluchtartige Attitüde als Grund vorzuschieben, warum es niemals so ganz klappte. Warum es immer ein schwammiges „bis bald“ war, ohne zu wissen, was das bedeutete. Ob dieses „bald“ irgendwann mal mehr werden oder immer nur ein flüchtiger Kuss im warmen Sommerwind bleiben würde. Am Ende wohl das: Eine leise Ahnung, die sich niemals trauen würde, lauter zu werden. Versteht mich nicht falsch. Ich hätte immer etwas sagen können. Ich hätte laut werden können. Hätte. Leider, oder vielleicht auch zum Glück, hab ich es nie gewagt.

Trotzdem war es irgendwie, irgendwo schön. Weil ich selten einen Mann erlebt habe, der so wild und zärtlich lieben kann. Der sich fallen lässt, und zumindest in der Schönheit seiner Sinnlichkeit wirklich zeigt. Der genießt. Der meinen Körper mit seinen Blicken trinkt, der mich inhaliert, wenn auch immer nur für kurze Momente, dann aber ganz und gar. Der mit Worten jonglieren konnte, Rilke rezitierte, Videos schickte, in denen er vor Wut brüllend im Maisfeld saß (und mich dabei ziemlich stark an Tarzan erinnerte), und am Straßenrand Kornblumen für mich pflückte. Der wusste, dass ein Menschenleben mehr zu bieten hat als Knigge und Karriere. Und wahrscheinlich ist das genau das, was mich heute auch so traurig stimmt: All diese Schönheit in ihm, die viel zu oft hinter harten Mauern verbaut wurde. Zu wissen, wie viel da in ihm steckt, das er hinter einer gespielten Gleichgültigkeit und mit vielen, leeren Worten zu schützen versuchte.

Letzten Endes glaube ich, dass wir beide Angst hatten. Angst, verletzt zu werden. Angst, uns wirklich zu zeigen. Angst, gesehen zu werden. Und vielleicht ging es in dieser Begegnung vor allem darum: Was (nicht) passiert, wenn sich zwei Menschen nicht trauen. Wenn sie alten Verletzungen die Bühne überlassen, alles nur leicht und oberflächlich halten, weil sie die Liebe als Absturz und nicht als Höhenleiter begreifen. Weil sie eben nicht, so wie die englische Sprache (to fall into love) so schön umschreibt, in die Liebe fallen wollten. Was gut ist. Aber auch schade, weil sie noch nicht begreifen, dass es möglich ist, gemeinsam in der Liebe aufzusteigen.


Und genau deswegen ist es gut, so wie es ist. Ich habe viel gelernt. Ich habe viel gelacht. Gelacht, gebrüllt, geweint. Geatmet. Und mit diesem Atem endet der Text. Einfach so. Genau so abrupt, wie Liam morgens aus der warmen Bettdecke in den kalten Tag schlüpfte.